Mama ganz ernst, oder: KAMERAS AUS!

Ein Flugzeug ist abgestürzt mit vielen jungen Menschen an Bord, und niemand hat überlebt.

Für Angehörige und Hinterbliebene ist das unvorstellbar grausam.

Und die Kameras halten direkt drauf.

Die Nachricht, dass ein Flugzeug verunglückt ist, war gerade bestätigt worden, da wurden Live-Ticker geschaltet, Reporter am Düsseldorfer Flughafen abgestellt, Kameras vor einem Gymnasium aufgebaut, Sondersendungen gezeigt.

Die Info: Wir wissen nichts. Aber wir sind live!

Ich habe mal gelernt: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Klappe halten!

Nach einer Flugzeugkatastrophe sind folgende Fragen für die Öffentlichkeit relevant: Wie ist das Unglück passiert, und warum ist es passiert?

Dazu muss man den Flugschreiber finden und die Voicebox. Und dann muss man sie auswerten.

Das dauert, aber irgendwann gibt es eine Antwort.

Nach einer Flugzeugkatastrophe sind folgende Dinge für die Öffentlichkeit vollkommen irrelevant und ganz allgemein pietätlos: betroffene Reporter vor Schulen und Flughäfen, die nichts anderes zu berichten haben, als dass sie sehr betroffen sind. Bilder von verzweifelten Menschen in Ankunftshallen. Berichte über Flugzeugkatastrophen der letzten drei Dekaden. Experten, die nur spekulieren können. Die Zahl der Deutschen unter den Opfern (Wozu?).

Aber selbst die öffentlich-rechtlichen Sender gaffen.

Das ist kein ersthafter Journalismus, das ist Sensationsberichterstattung.

Die Öffentlichkeit hat ein Recht auf fundierte und sachliche Information.

Die Betroffenen haben ein Recht auf Schutz ihrer Privatsphäre und Raum für ihre Trauer.

Ich fühle mich nicht besser informiert, wenn ich einen Teenager vor der Kamera sehe, der um Fassung ringt, weil er Freunde verloren hat.

Ich bezweifle, dass die Anwesenheit des Reporters seinen Kummer lindert.

Ich bete für die Hinterbliebenen.

Der Fernseher bleibt aus.

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8 thoughts on “Mama ganz ernst, oder: KAMERAS AUS!

  1. Liebe tanzende Mama,
    du hast in Worte gefasst, was ich schon seit 9/11 denke und weshalb ich auch mal für längere Zeit die Nachrichten nicht im Fernsehen anschaue, sondern mich durch Zeitungen informiere, die noch Wert auf guten und fundierten Journalismus legen. Am schlimmsten finde ich es, wenn in den öffentlich rechtlichen Sendern ebenfalls während Sondersendungen nur Unwichtiges und Sensationsjournalismus gezeigt wird. Da bin ich enttäuscht, die müssten es doch besser können.
    Herzlichst,
    Claudine

  2. Der Schock sitzt tief und die Trauer ist unbeschreiblich. Es hat an der Deutschen Schule Barcelona 3 Väter getroffen und 5 Kinder haben ihren Vater verloren. Im direkten Umfeld meiner Kinder. Heute morgen wimmelte es schon von Fotografen … schrecklich!

  3. Liebe Anne,

    danke!

    Im Ersten gestern die Krönung:

    Die Moderatorin zum Reporter:

    “Lassen Sie uns noch – ähm – einen Blick werfen auf” – irgendetwas, habs vergessen – “und die sterblichen Überreste”.

    Allein der Begriff ist schon so geschmacklos, wie es nur geht. Und dann noch “einen Blick drauf werfen”.

    Es ist einfach nur noch skandalös, was auch die Öffentlichrechtlichen da veranstalten.

    Liebe Grüße

    Gerd

  4. Du hast völlig Recht. Auch hier bleibt der Fernseher aus und auf Links zu Bild & Co. klicke ich aus Prinzip sowieso nicht (auch wenn sich die Leute jetzt aufregen und schreiben “Schaut mal hier, was XY geschrieben hat” und dann den Link – soll ich denen jetzt auch noch Klicks schenken, um mich aufzuregen?).
    Was passiert ist, ist schrecklich für alle Beteiligten. Da muss man es nicht noch schlimmer machen. Es hat keinerlei Mehrwert außer unsere voyeuristischen Bedürfnisse zu befriedigen. Zu schade, dass das so gut funktioniert.

    Liebe Grüße
    Nele

    1. Herzlichen Dank an alle für Eure Rückmeldungen. Dass viele kritisch hinterfragen, wie Medien arbeiten, ist ein gutes Zeichen. Jennifer, Dein Umfeld ist direkt betroffen. Ich denke an Euch. Anne

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