Projektionen.

„Ach, sie liebt klassische Musik wirklich sehr“, erfreute ich mich am windelschwingenden Kind vor der Stereoanlage, ganz stolze Mama.

„Ähem. Anne?“ Meine Freundin zog eine Augenbraue hoch.

„Mhm?“

„DU liebst klassische Musik wirklich sehr. Deiner Tochter ist völlig wumpe, was da klimpert. Die würde genauso vor sich hinwackeln, wenn Du Snoop Doggy Dog spielen würdest. Oder Rammstein.“

„Aber…“, wollte ich spontan und leicht beleidigt den erlesenen Musikgeschmack meiner Tochter verteidigen. „Aber…“.

Nix aber. Sie hatte Recht, meine Freundin.

Tief in meinem Herzen hoffe ich, dass mein Kind eines Tages meine Leidenschaften zu seinen eigenen machen wird. Jede Tendenz in diese „meine“ Richtung wird rührselig als Beweis für vererbte Neigungen beigebracht. Sie hüpft zu Mozart? Hach, das Kind ist wirklich musikalisch! Sie fällt beim Angeln nach dem Lieblingsspielzeug zufälligerweise mal nicht auf den Hintern? Diese Balance! Der Zeh verschwindet im Mund? Ich unterdrücke den Impuls, ein wenig nachzudehnen.

Das geht so nicht. Keiner mag überehrgeizige Mamis, am allerwenigsten ich. Deswegen werde ich an mir arbeiten und mich in kritischer Selbstreflexion üben.

Was ein wenig hilft und tröstet und mich nicht vollends an meinem Charakter verzweifeln lässt ist, dass ich mit meinen Projektionen nicht alleine bin.

„Gläschen kann Theo gar nicht leiden“, verkündete Köchin Sabrina und manövrierte den Buggy schwungvoll am Gläschenregal der Drogerie vorbei.

„Er isst nichts aus Gläschen? Gar nichts?“

„Nein. Lehnt er total ab.“

„Welche Gläschen habt ihr denn versucht?“

„Gar keine. Ich koche speziell für ihn. Am meisten mag er Seelachs in allen Variationen“, erklärte sie.

Die Wahrheit ist: Am liebsten kocht sie Seelachs in allen Variationen.

Oder, ein anderer Fall: Mediävist David erzählte: „Und immer, wirklich immer greift Jonas im Bücherregal nach Büchern über das Mittelalter.“

Die Wahrheit ist: Da stehen auch nur Bücher über das Mittelalter.

Wenn Kinder lieben, was ihre Eltern lieben, ist das eine wundervolle Bestätigung. Ziemlich oft orientieren sich die lieben Kleinen allerdings anderweitig. Darauf sollte man sich gedanklich so früh wie möglich vorbereiten.

Und so werde ich natürlich akzeptieren, wenn sich unsere Tochter eines Tages für American Football entscheidet. Oder für Gewichtheben.

Wird allerdings ziemlich blöd aussehen im Tutu.

:)

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26 thoughts on “Projektionen.

  1. Da schreibst du sehr wahre Worte :-) Diese Projektion eigener Leidenschaften auf die eigenen Kinder ist mir auch gut bekannt. Der mütterliche und väterliche Stolz entflammt dabei ja immer sehr schnell! Umso besser, wenn man ihn dann lieber für sich behält und im Stillen genießt. Und wie du schon sagst: Auch wenn sie uns in vielem erst einmal ähnlich sein mögen, sind unsere Kinder doch ganz eigenständige Wesen, die ihren eigenen Weg gehen werden. Das ist ja eigentlich auch das Spannende, nicht wahr? ;-)

  2. Als Mama Blog-lesende Nullipara (nur Deins und das mriner besten Freundin! Da kannste Dich mal geehrt fühlen :-D ) möchte ich nicht nur zum Blog, sondern auch zu dieser Freundin und Eurer Freundschaft gratulieren. So ehrlich kann man nämlich nicht zu jeder Mutter sein…

  3. Wenn das gute Kind später mal Snoop Dogg mag, dann darfste mal mit ihr zu Besuch kommen und ich werde ihr den, dann bestimmt schön lässig Breackdance tanzenden, Mini Chef vorteilen.

    Und während die Kinder lässig durch die Gegend grooven, werden wir dann an unserer Gemüse-Choreo feilen.

  4. Meine Tochter liest leidenschaftlich gern (ganz die Mama), ist außerordentlich reflektiert und emphatisch (ganz die Mama), sammelt jeglichen erdenklichen Schnickschnack (ganz die Mama) und LIEBT Pferde (ganz die… äh, wie bitte? Was’n das für’n Kind?).

    Ich weiß, was Du meinst. (o:

    1. Liebe Sabine, danke schön! Bloggerin Tina von “Vom Werden zum Sein” hatte den Tag auch weitergegeben – darf ich Eure Fragen mixen zu wiederum insgesamt 11 Fragen? Nicht, dass Ihr mir bei der Lektüre von 22 Fragen und Antworten wegpennt und nie wieder auf meinem Blog vorbeischaut, weil ich mich als gähnend langweilig herausstelle… :)

  5. Ich wünsche mir bitte unbedingt Photos vom gewichthebenden Kind im Ballettkleid! Und leider hast du wohl recht, so habe ich das alles noch gar nicht gesehen – wenn keine Auswahl da ist, dann nimmt Zwerg eben das, was da ist. Seien es mediävistische Bücher, Seelachs oder wasauchimmer. Schade eigentlich, manchmal gibt man sich schon gerne diesen Vorstellungen hin, oder? :D Liebste Grummelgrüße! Und hey: Dein Blog ist echt toll!

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